Freitag, 26. September 2014

Nationalsozialismus? Hat es in Magdeburg nicht gegeben.

Im Magdeburger City Carré, bekannt als Konsumtempel im Schatten des deutlich beliebteren Allee Centers, ist derzeit eine Ausstellung zu sehen. Das allein ist jedoch von geringem Nachrichtenwert, denn Ausstellungen gibt es dort andauernd, zum Teil auch gar keine schlechten. Zuletzt gastierte dort beispielsweise die Wanderausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen", die die Auslandsgesellschaft, der Miteinander e.V. und die Landtagsfraktion der LINKEn nach Magdeburg holte. Was dort jetzt zu sehen ist, verschlägt uns allerdings die Sprache, da wir davon ausgegangen sind, dass ein gewisses Thema eigentlich nicht mehr diskutiert werden müsse. Ein Irrtum. Unsere Naivität endete mit einem gestrigen Besuch, der dazu gedacht war, uns selbst ein Bild dessen zu machen, was die Stadtschreiberin Anja Tuckermann hier mal aufgeschrieben hat: Verfälschung der Geschichte.

Worum geht's? Die Ausstellung ist stadtgeschichtlicher Natur und nennt sich "Illustrierte Geschichte – Gezeichnete Episoden aus 1200 Jahren Magdeburger Stadtgeschichte" und basiert auf dem gleichnamigen Buch. Auf 37 Schautafeln wird die über 1200-jährige Geschichte der Elbstadt heruntergebrochen, wobei das Wort "brechen" bei näherem Betrachten eine ganz andere Bedeutung erfährt, denn eine gewisse Zeit - ihr ahnt es schon - fehlt komplett: die Ära des Nationalsozialismus. Als hätte es ihn nie gegeben. Als hätte er einen Bogen um Magdeburg gemacht. Und auch der 1. Weltkrieg findet keinerlei Erwähnung. Dafür widmen die Ausstellungsmacher*innen dem FCM eine komplette Schautafel. Klar, da müssen schließlich Prioritäten gesetzt werden!

Der Autor [1] , auf dessen Buch diese Ausstellung fußt, redet sich derweil heraus, indem er sagt, er hätte keinen Einfluss auf die Auswahl der Schautafeln gehabt. Natürlich hätte er der NS-Zeit ausreichend Raum gegeben [2]. In seinem Buch. Was er dort schreibt, passt ideologisch allerdings recht gut zum "Konzept" der Ausstellung, dem Konzept des Weglassens, Verwischens und Verschweigens, um die "Große Geschichte Magdeburgs" nicht zu besudeln. Image und so. Wir sind ja alle Otto! Anja Tuckermann hat in ihrem Beitrag ein Best-Of des gefährlichen Schwachsinns zum Besten gegeben, den wir hier nochmal rezitieren möchten.

1. Die Kriegsschuldfrage löst er, sagen wir mal, "kreativ", wie man es sonst nur von der Dauervertriebenen Erika Steinbach [3] kennt: „So führten viele Länder erbitterten Krieg gegen Deutschland, bis sich dieser Krieg immer mehr gegen Deutschland selbst kehrte.“. Ja, diese bösen Alliierten, was kämpfen die auch so "erbittert" gegen das arme, kleine Deutschland - und dann auch noch von zwei Fronten!

2. Der Autor dürfte weit und breit der einzige (selbst ernannte) "Historiker" sein, der noch bedenkenlos den Begriff "Reichskristallnacht" benutzt. Bei diesem Wort handelt es sich um einen die Opfer des 09. November 1938 verhöhnenden Euphemismus der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie. Korrekt ist "Reichspogromnacht". Und das hat jetzt nichts mit "Sprachpolizei" zu tun, sondern mit Urspung und Bedeutung von Begriffen: Wer sich unkritisch nazistischer Sprache bedient braucht sich nicht zu wundern, irgendwann einmal mit solchen Texten wie diesem bedacht zu werden.

3. Zum Kriegsende findet er dann nochmal besonders eklige Worte: „am 8. Mai 1945 endete dieser längst verlorene Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Es war auch die Befreiung der Deutschen vom Nazi-Terror.“. Da ist sie wieder, die olle These vom "Volksverführer Hitler", dem ja eigentlich niemand so recht hinterherlaufen wollte. Eigentlich waren die Deutschen ja alle Opfer. Täter waren immer die anderen. Und die 6 Millionen Jüdinnen und Juden hat auch niemand umgebracht. Niemand wusste von den Gaskammern und Verbrennungsöfen. Und der Zusammenhalt war doch so gut damals, in der heimeligen "Volksgemeinschaft"!

Es ist zum Kotzen.

Besonders grauenhaft ist dann folgerichtig die erste Schautafel nach dieser "Nicht-Zeit". Auf ihr prangt das Jahr 1946. Titel: "Auf Trümmerbergen. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs im Mai 1945 standen von Magdeburgs Altstadt nur noch Ruinen. Für den Wiederaufbau mussten endlose Berge Trümmerschutt beseitigt werden." Beim Lesen des weiteren Textes kommen uns die Tränen. Nicht. Wir wollen dieses geschichtsrevisionistische Zeugnis hier mal unzensiert dokumentieren:
    
"Die einst wunderschöne Altstadt mit ihren Prachtboulevards und den verwinkelten, engen Gassen, ist bis auf wenige Gebäude, darunter die Klosterkirche Unser Lieben Frauen und der Dom, unter Trümmerbergen versunken. Weil es auch an den Stadtränden nur wenige intakte Gebäude gibt, sind gut 220.000 der einst hier lebenden 350.000 Menschen obdachlos. Manch ein Überlebender (sic!) konnte sich damals nicht vorstellen, dass in dieser unter der Besatzungsmacht der Allierten stehenden Trümmerwüste je wieder gelebt werden kann. Entgegen aller Hoffnungslosigkeit begannen aber schon im Sommer 1945 die ersten Aufräumarbeiten." Dann folgt noch das übliche Loblied auf die "Trümmerfrauen".

Geschichtsrevisionismus ist der Versuch, ein anerkanntes Geschichtsbild zu revidieren. Die Neonazis rund um den Magdeburger Andy Knape, der jetzt übrigens keinen Job mehr hat, weil die sächsische NPD-Fraktion glücklicherweise aus dem Dresdner Landtag geflogen ist, betreiben diesen Revisionsversuch, indem sie Magdeburg jeden Januar heimsuchen, um "der Opfer des Bomben-Holocaust zu gedenken". Damit meinen sie die Luftangriffe der Alliierten auf Magdeburg am 16. Januar 1945, die sich nächstes Jahr übrigens zum 70. Mal jähren (auch ein Grund, eine solche Ausstellung einfach mal sein zu lassen). Sie zumindest dürften sich freuen über diese unerwartete Schützenhilfe. Was der Autor hier vornimmt, ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr, den Deutschen die Schuld abzusprechen, Hitler und seinen NS-Staat, willig und zum Töten bereit, überhaupt erst ermöglicht zu haben. Die Tausenden KZ-Häftlinge Magdeburgs erwähnt er mit keinem Wort. Die Erschießungskommandos ebenfalls nicht. Auch von den Todesmärschen gegen Kriegsende fehlt jede Spur im Text. Dass Magdeburg einer der wichtigsten Rüstungsstandorte für den Vernichtungskrieg war - geschenkt! Viel lieber beweint er Deutsche, die nun quasi unverschuldet obdachlos geworden sind und nennt sie - und hierfür fehlt uns dann tatsächlich das passende Adjektiv - auch noch "Überlebende". Überlebende! Dieses Wort gibt es in diesem Kontext einfach nicht, denn es ist bereits "vergeben". "Überlebende", damit bezeichnet man die Überlebenden der Shoa. Doch die meint Engelhardt nicht. Er meint nicht die überlebenden Kriegsgefangenen oder die aus den KZ befreiten jüdischen Familien, nicht die rechtzeitig Emigrierten, die als "Untermenschen" dem deutschen "Herrenmenschen" zum Opfer gefallen wären. Er meint auch nicht die wenigen Sinti und Roma, die der Deportation vom Sammellager Holzweg/Silberberg nach Auschwitz entkommen konnten. Ungläubig die Augen reibend und nochmal drüber lesend stellen  wir fest: er meint tatsächlich ausschließlich die Deutschen! Er benutzt (ob bewusst oder unbewusst, ist unklar) einen Begriff, der historisch gesehen auch mit der Konnotation "Opfer" belegt ist, und verschweigt dazu noch die Millionen an anderen Opfern. Damit erfolgt wieder eine  Täter-Opfer-Umkehr.

Ihr werdet es mitbekommen haben: wir sind wütend. Wir sind wütend, dass fast 70 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Allierten, wieder Versuche unternommen werden, die Rolle Magdeburgs und der Magdeburgerinnen und Magdeburger im Nationalsozialismus nicht nur zu retuschieren, sondern zu verschleiern. Wir findet es zum Kotzen und bezeichnend, dass dieses braune Kapitel der Stadtgeschichte ausradiert werden soll, um die Erzählung der angeblich "Großen Geschichte Magdeburgs" nicht zu gefährden. Wir sind traurig, dass es im Jahr 2014 immernoch möglich ist, derartig gefährlichen Geschichtsrevisionismus prominent im öffentlichen Raum zu platzieren. Diese Ausstellung gehört eingestampft und auf den viel zitierten Müllhaufen der Geschichte. No pasarán! Gegen Opfermythen und Geschichtsrevisionismus!
 
[1] Auf der Webseite des City Carré heißt es: "Die Idee zu dieser Zeitreise hatte Conrad Engelhardt. Der Journalist ist hauptberuflich Redaktionschef des Magdeburger Stadtmagazins DATEs, und nebenberuflich Hobby-Historiker und Fotograf, den vor allem die Magdeburger Geschichte sehr am Herzen liegt. Zu Magdeburg hat er bereits  mehrere Stadtführer veröffentlicht."

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