Montag, 29. September 2014

Bergen-Belsen, ein Ort unvorstellbaren Grauens

Bericht zur Bildungsfahrt in die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen am 20. September 2014

"Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch aufhören, einmal werden wir auch wieder Menschen und nicht allein Juden sein." (Anne Frank, Tagebuch)

Wie schon im letzten Jahr veranstaltete die Linksjugend ['solid] Sachsen-Anhalt eine große Bildungsfahrt zur historischen Bildung. Am 20. September fuhren wir mit 19 Interessierten, Mitgliedern und Sympathisant*innen in die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen nach Niedersachen.

Bergen-Belsen ein Ort des Grauens, dem das Grauen heute kaum noch anzusehen ist. Das ehemalige Lagergelände ist inzwischen stark zugewachsen und gleicht eher einem verwilderten Park mit gepflegten Wegen als einem Ort, an dem zehntausende Menschen auf grausame Art und Weise ihr Leben verloren haben. Im Zuge der Befreiung im April 1945 wurden sämtliche Baracken, Wachtürme und Zäune niedergerissen und verbrannt - aus Furcht, die unzähligen Epidemien im Lager könnten sich auf die Überlebenden, Befreier und Zivilisten ausbreiten. Nichts steht mehr. Beim Abschreiten der Pfade erinnern nur noch die Massengräber – nur erkennbar an der Wölbung und die an den Fronten angebrachte Anzahl der hier beerdigten Toteneinige wenige symbolische Grabsteine, Gedenkplastiken und Ausgrabungsstellen an das, was hier vor 70 Jahren geschehen ist. Es ist bedrückend, an einem Ort zu sein, der sich den Besucher*innen vordergründig "idyllisch" präsentiert und gleichzeitig diese Vergangenheit hat, ein Ort, an dem massenhaftes Sterben zum Alltag gehörte.

Das Lager, dessen Ursprung in einer Arbeitersiedlung für die nahegelegene Wehrmachtskaserne liegt, Kriegsgefangenenlager für Belgier und Franzosen, später, nach Mussolinis Sturz 1943, auch für italienische Soldaten, genutzt. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 wurde Bergen-Belsen stark erweitert, um sowjetische Gefangene zu internieren, die hier dann schon unter unmenschlichsten Bedingungen, teils unter freiem Himmel und ohne Nahrungsversorgung dahinvegetieren und zu Tausenden an Krankheiten und Hunger sterben mussten. Im späteren Kriegsverlauf wurde das Lager von der SS übernommen und zunächst als sogenanntes "Austauschlager" - es sollte das einzige im Deutschen Reich bleiben - betrieben. In dieser Zeit wurden vorzugsweise prominente oder sehr vermögende Jüdinnen und Juden mit Familie im Ausland inhaftiert, um sie gegen in den USA oder Lateinamerika internierte Nazis auszutauschen. Die damaligen Häftlinge hatten etwas bessere - sofern dieser Superlativ überhaupt angebracht ist - Lebensbedingungen, da das Überleben der "Austausch-Juden" sowie ein einigermaßen zufriedenstellender Gesundheitszustand unbedingt gewährleistet werden sollte. Die horrenden Forderungen der Nazis waren aber kaum erfüllbar, sodass den Inhaftierten bald dasselbe Schicksal blühen sollte, wie allen anderen, die nach Bergen-Belsen deportiert worden sind. Bis zum Ende des Krieges wurde es dann als „Evakuierungs-Lager“ für die geräumten Konzentrations- und Vernichtungslager des Ostens genutzt. Auf einem solchen Transport aus Auschwitz kam auch Anne Frank am 30. Oktober 1944 nach Bergen-Belsen, wo sie im März 1945 kurz vor der Befreiung und kurz nach ihrer Schwester Margot gestorben ist.
wurde schon kurz nach Kriegsbeginn als

Neben dem eigentlichen Lagerkomplex wurde die Gedenkstätte immer mehr erweitert. Als 1952 die Erinnerungsstätte eröffnet wurde, diente sie eher der eigenen Schuldabwehr – seht her, wir setzen uns ja mit unserer Geschichte auseinander – aber kaum der Sühne, Mahnung und Aufarbeitung. So ist es auch zu erklären, dass damals nur ein paar Wege über das Lagergelände angelegt wurden, um sie auch ausländischen Würdenträgern zu zeigen. Erst sehr viel später wurde ein Museum und eine Begegnungsstätte errichtet, die sich ernsthaft mit der Geschichte des Lagers auseinandersetzt. Teilweise sind die dort gezeigten Dinge kaum zu ertragen, so die 23 Minuten Original-Filmaufnahmen der britischen Armee, die das Lager nach der Befreiung zeigen; mit all dem Grauen, dem die Opfer auch noch nach der Befreiung ausgesetzt waren. Denn auch nachdem die Briten das KZ befreiten, starben noch mehr als 10.000 Menschen an Hunger, Krankheit und Erschöpfung auch wenn alles unternommen wurde, sie zu retten. Auch wie tausende Leichen in Massengräber getragen und diese Arbeit später von Bulldozern übernommen wurde, weil es nicht schnell genug ging – zur Eindämmung von Seuchen aber unumgänglich war – lässt einen tieftraurig und emotional schockiert zurück. Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Und wenn man an dieser Stelle dann auch noch erfährt, dass es immer wieder Hakenkreuz-Schmierereien und Sachbeschädigungen am Gelände gibt, ist das ungleich schwieriger zu verarbeiten.

Die Fahrt nach Bergen-Belsen hat viele von uns nachdenklich zurückgelassen, mit dem Gefühl, dass wohl niemand auch nur annähernd nachvollziehen kann, welches Leid die Opfer der Deutschen ertragen mussten. Dieser Ort lässt nur kalte Herzen kalt. Es ist aber ein Ort, an dem die Gewissheit unbändig wird, genau das Richtige zu tun, alles zu  tun, noch mehr zu tun, damit diese Gräuel nie wieder geschehen. Nie wieder. Unserer antifaschistischen Verantwortung folgend ist es eine Pflicht, die Erinnerung an die Barbarei des Nationalsozialismus stets zu erneuern, aber gleichzeitig vor aktuellen faschistischen, rassistischen, nationalistischen, antisemitischen und sozialdarwinistischen Tendenzen in der Welt zu warnen. Frei nach Adorno: nicht die Rückkehr der Alt-Nazis ist zu befürchten, sondern das Fortleben des Nationalsozialismus innerhalb der Demokratie.

Zum Schluss möchten wir uns bei allen Teilnehmenden und den FahrerInnen bedanken, aber auch und ganz besonders beim hervorragenden Guide sowie der Gedenkstätte!

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