Donnerstag, 23. August 2012

Offener Brief an die Piratenpartei: Was habt ihr euch eigentlich bei dem CSD-Material gedacht?

Werte Pirat*innen,

nach einiger Zeit der entsetzten Fazialpalmierung ist es mir nun also möglich, meine Hände zum Verfassen dieser Nachricht zu gebrauchen und möchte euch fragen, was um Himmels Willen ihr euch bei dem Design und der nachfolgenden Ausgabe dieser beiden Sticker gedacht habt:

Ich meine - ernsthaft, "Homophobie ist voll schwul"? Ich kann mir ausmalen, dass da jemand ganz kreativ sein und "mit den eigenen Waffen schlagen" wollte, aber ist euch tatsächlich nicht bewusst, dass ihr mit genau so einem Stuss das Wort "schwul" weiter als Schimpfwort stilisiert und - vor allem - etabliert?


Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass solche Sticker auch noch extra für die diversen CSDs erstellt und auf ihnen verteilt worden sind. Ein Fest, bei dem man sich für die Rechte und die Akzeptanz, wie auch Toleranz einer marginalisierten Minderheit einsetzt, unterstützt ihr, indem ihr die Vorbehalte ihnen gegenüber weiter manifestiert? Srsly?!

Klar, ich muss ja natürlich noch mit einrechnen, dass die Pirat*innen "post-gender" sind und dass ihnen Geschlecht, wie auch Sexualität, vollkommen egal und gleich sind. Wie aber passt dann ein Sticker "Solidarische Hete" auf ein Fest, bei dem die - haltet euch fest - Equalität der Menschen zelebriert wird? Wie war das noch gleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Konsens von "Wir" und "die anderen"? Herzlichen Dank für die Aus- und Abgrenzung von den Lesben, Schwulen, bi-, trans*-, und intersexuellen Menschen, statt ernstgemeinter Inklusion.
Ist es tatsächlich so ein Problem für Pirat*innen, sich ohne apologetischen Verweis auf die eigene Heterosexualität (Grüß dich, Privileg!) auf einem Straßenfest mit "den anderen" sehen zu lassen? Hat man Angst davor, beispielsweise für schwul oder lesbisch gehalten zu werden? Panik vor Fotos, die im Bekanntenkreis Fragen aufwerfen könnten? Dann Willkommen in der repressiven Realität der LSBTI-Community, die vom heteronormativen Konsens zu Unsichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft gezwungen wird. Mit diesen reaktionären Stickern reproduziert und befeuert ihr eben jene Herrschaftsmechanismen, die die Queer-Community seit Jahren und Jahrzehnten versucht abzubauen.

Ich war wirklich entgeistert, als ich auf diese Sticker aufmerksam wurde und bin es immer noch. Ich hoffe inständig, dass ihr sie einstampft und durch tatsächlich thematisch und inhaltlich starke ersetzt. Vorausgesetzt, ihr steht auch dahinter.

Gegen reaktionären Heteronormalismus!
Christian Baumann

Kommentare:

  1. Das Wort "schwul" ist etabliert und soll es bitte auch bleiben, denn es war in den 70er und 80er Jahren eine Kampfansage an die Heteros um selbstbewußt in der Öffentlichkeit aufzutreten. Ich beispielsweise trage seit Jahren den rosa Winkel an meiner Kappe und werde es weiter tun!!!
    Und nicht verstehen kann ich Eure Aufregung, wenn es um den angeblichen Zusammenhalt, gleiche Ziele usw. geht, denn auch Ihr habt bisher nichts dergleichen getan, Euch an der „Bundestags-Petition für 175er Opfer" zu beteiligen.
    Während die Hetreo-verdi-Jugend da mit gutem Beispiel voran ging, distanzieren sich die großen schwulen Lobbyisten (allen voran der „allmächtige“ LSVD) und die schwulen Medien. Da frage ich mich, der seit 28 Jahren Schwulenaktivist ist, wer ist hier wohl solidarischer: die Schwulen oder die Stinos?
    Von den bisher mehr als 2.000 Unterschriften sind mindestens die Hälfte der Unterzeichner Lesben und Frauen, die mit dem 175er nun gar nicht zu tun hatten – Ihnen unseren besonderen DANK!
    Dank auch den Professorinnen und Professoren, den Mitglieder des Bundestags und verschiedener Landtage, aber auch den Pädagogen und weiteren fortschrittlichen Menschen.
    Ihr schwulen Lobbyisten schämt Euch und versingt!!!
    Mehr Infos zur „Bundestags-Petition für 175er Opfer" hier:
    www.175er-opfer.de

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  2. Zum Wort "schwul": ich denke nicht, dass der Autor des Briefes das Wort "schwul" verbannen möchte. Er weist nur richtigerweise darauf hin, dass das Wort in vielen Zusammenhängen als Schimpfwort verwendet wird. Genau das bedienen die Piraten mit diesem blöden Spruch - und finden es vielleicht auch noch lustig.

    Woher wollen sie sagen, dass nichts getan worden ist, um sich in Bezug auf §175 zu engagieren? Ich möchte dabei nur eines klar stellen: das ist ein ganz wichtiges Thema für Linke, insbesondere für uns hier in Sachsen-Anhalt. Das zeigt z.B. auch das Engagement unserer Landtagsfraktion: http://www.dielinke-fraktion-lsa.de/erweiterte_texte/landtag_175/

    Was sie mit dem letzten Abschnitt meinen oder ausdrücken wollen, ist mir unklar.

    Viele Grüße,
    Nicht der Autor

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    1. Mit Verlaub: Wer hier anonym diskutiert, muß damit rechnen nicht akzeptiert zu werden!
      Und noch etwas: Auch die Linke hat Schwule verfolgt: siehe Ostdeutschland und die STASI:
      http://www.rosa-archiv.de/archiv/stasiakten/
      Sie soll also nicht so tun als hätte sie das Thema für sich allein gepachtet!
      Rosa von Zehnle
      (männlich).

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    2. Christian Baumann30. August 2012 um 11:09

      Offenbar schreiben auch Sie unter einem Pseudonym. Wenn der*die Ausgangsautor*in das Pseudonym "Nicht der Autor" wählt, ist das legitim und tut der Aussage keinen Ablass.

      Dass sich aktiv mit der Thematik auseinandergesetzt und die Rehabilitation der Opfer gefordert wird, hat mit Pachten von Themen nichts zu tun, sondern zeigt Aufarbeitungs- und Entschädigungswillen für die Repressalien, die von beiden deutschen Staaten nach 1945 gegenüber männlichen Homosexuellen ausgegangen ist.

      Viele Grüße,
      Christian Baumann

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    3. Lese das gerade erst: Sie liegen falsch, mein Bester: Googeln Sie nach meinem Namen und sie werden entdecken, ihr OFFENBAR ist das Gegenteil. Selbst "amtlich" beglaubig ist mein Name:^
      http://www.hartha.175er-verlag.de/vpa-roze-k.jpg

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    4. Da ich erst heute den Eintrag von Christian las (denn nicht ist nerviger als ewig lange Diskussionen mit Null-Ergebnis), möchte ich mit einer Grafik antworten, die zeigt, daß mein "Pseudonym" wie er es bezeichnet, sogar "amtlich" ist:
      http://www.hartha.175er-verlag.de/vpa-roze-k.jpg
      Noch Fragen?

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  3. Christian Baumann23. August 2012 um 22:08

    Das Wort "schwul" war zunächst nichts weiter als ein Mittel zur Stigmatisierung und als abwertendes Moment gebraucht und hat - glücklicher Weise - durch die aktive Selbstbezeichnung von Homosexuellen einen Wandel nach Durchlaufen der Dysphemismus-Tretmühle erfahren.

    Wenn Pirat*innen nun Homophobie mit "schwul" bezeichnen, allen reaktionären Kräften den Spiegel vorhalten wollend, spielen sie mit der negativen Konnotation des Wortes, das vor allem auf Schulhöfen noch immer präsent ist. Jugendliche benutzen das Wort für allerhand negativer Dinge und verfestigen damit die negative Bedeutung erneut. Das wiederrum führt dazu, dass sich junge schwule Menschen seltener trauen, unbeschwert und angstfrei mit ihrer Sexualität umzugehen.

    Allen Menschen, die sich progressiv für gleiche Rechte, auch und insbesondere für Personengruppen, zu denen sie selber nicht gehören, einsetzen, gehört großer Respekt und Anerkennung. Deswegen kann ich Ihre Kategorisierung in "schwule Lobbyisten", "schwule Medien" und "Stinos" nicht nachvollziehen und weise sie zurück.

    Viele Grüße,
    Christian Baumann

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  4. Die "Unterscheidung"/Exklusion, whatever durch den Aufkleber solidarische Hete find ich lustig.
    Wir nehmen uns einen offensichtlichen Unterschied (alle gleich hin oder her, auch bei einer vollkommenen Inklusion, auch bei einem vollkommenem Gemeinsam etc. gibt es nicht wegzudiskutierende Unterschiede) und spielen mit dem Begriff. Das das in manchen Betonköpfen ganz besonders gut ankommet ist klar (Sarkasmus zuende). Wortspiele sind immerhin verboten seit wir uns alle um Gleichheit bemühen. Unterschiede sind auch verboten, egal wie offensichtlich sie sind. Ist immer noch nicht angekommen, dass es auch bei der Inklusion darum geht, wie man mit sich Gegenseitig umgeht, sondern darum ob man das richtige Wort laut genug an den Pranger stellt und sich damit vor allen anderen aus der grauen Masse hervortut um zu beweisen, dass man selbst es ganz besonders ernst meint und so? (Hier endet dann der Zynismus)

    Lernt im Namen seiner Nudeligkeit endlich zu unterscheiden ob man Begrifflichkeiten nutzt um ein eigenes Gruppengefühl zu erzeugen oder ob man sie nutzt um mit ihnen zu spielen. Es gibt keine bösen Worte - Nur viel zuviele Trottel.

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  5. Christian Baumann24. August 2012 um 10:02

    Danke für den Kommentar, allerdings ist es in meinen Augen nicht richtig von "offensichtlichen" Unterschieden zu sprechen. Für Solidaritätsbekundungen gibt es einfach keinen Grund auf seine Sexualität zu verweisen. Warum auch. Solidarität wird nicht dadruch abgeschwächt, dass man zur LSBTI-Community gehört und nicht dadurch aufgewertet, dass man es nicht tut. Solidarität kennt eben keine Sexualität.

    Mit dem Sticker "Solidarische Hete" wird aber eben dies befeuert, da entweder ein*e solidarische*r Heterosexuelle*r irgendwie "besonderer" oder "besser" ist, oder aber, dass man(n?) zwar auch für die Rechte der LSBTI-Community kämpft, tunlichst aber nicht zu ihnen gezählt werden möchte. Das wird vor allem an der weiter vorherrschenden Homo- und Transphobie liegen, die durch solche bewussten Solidaritätsgrenzen gestärkt wird. Paradox, geht es doch eigentlich um genau das Gegenteil, den Abbau dieser Grenzen.

    Viele Grüße,
    Christian Baumann

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  6. Ich kann den Autor hier nur unterstützen. Das Wort "schwul" ist in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft enorm negativ konnotiert, sodass es unmöglich ist, die Piraten-Materialien positiv zu beurteilen. Ob auf Schulhöfen oder in Popsongs (Bushido und Freunde)- die Zuschreibung "schwul" dient der Beschimpfung und "Unten-Verortung", während die eigene Stellung und Position erhöht bzw. man(n)ifestiert werden soll. Insbesondere Untersuchungen zur Rap-Kultur zeigen, dass die alltägliche Verwendung homophober Inhalte der Reproduktion von Vorurteilen und Hass dienen. Als liebe Piraten: Hört auf, euch an der Reproduktion der Beschimpfungen zu beteiligen. Ja, jeder Mensch ist ein Individuum, also anders. Ein Unterscheidungskriterium sexuelle Identität zu reproduzieren, ist allerdings ebenso problematisch, wie Unterscheidungen nach Ethnie, Klasse oder Geschlecht.

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  7. http://kpeterl.wordpress.com/2012/08/24/bei-die-linke-ist-ganztags-vollmond-oder/

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  8. Andreas Morcinek27. August 2012 um 13:35

    Sehr geehrter Herr Baumann,

    der Kreisverband Magdeburg möchte gerne auf Ihren offenen Brief antworten. Jedoch würden wir unser Schreiben gerne auch zuvor mit Ihnen besprechen, um Missverständnissen vorzubeugen. Dazu laden wir Sie ein, sich mit uns zu treffen. Am Dienstag den 28.08.2012 entweder um 18 Uhr bei ['solid] (Jugendbüro in der Landesgeschäftsstelle, Ebendorfer Straße 3, 39108 Magdeburg, 1. OG rechts) oder um 20 Uhr beim Piratenstammtisch in der Unitheke.

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    1. Christian Baumann27. August 2012 um 14:55

      Sehr geehrter Herr Morcinek,

      ich habe gerade eine E-Mail an den Vorstand des KV Magdeburg geschickt.

      Viele Grüße,
      Christian Baumann

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