Dienstag, 31. Januar 2017

Die Hörsaalbesetzung von Magdeburg und die Opfer-Klaviatur der AfD

Ein schockierendes Bild der schweren Uni-Krawalle
Am 12. Januar 2017 verhinderten 400 Studierende, Schüler*innen und andere die erste Veranstaltung der AfD-Hochschulgruppe 'Campus Alternative' an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Während Videos und Beiträge zu den Protesten in den sozialen Medien durch die Decke gingen - bei Youtube trendete ein Video auf Platz 3 - und das Echo dort zum großen Teil positiv war, stieß die Aktion bei einigen Medienschaffenden, dem Rektor Strackeljahn und dem Innenminister Holger Stahlknecht (CD) auf zum Teil scharfe Kritik bis hin zur kollektiven Kriminalisierung aller Demonstrant*innen als "Antidemokraten", "Krawallmacher" und "Gewalttäter". Die Medienstrategie der AfD, sich als das ewige Opfer einer angeblich ausgrenzenden Praxis durch Menschen, die keine Lust auf die faschistoiden Gesellschaftsentwürfe der AfD haben, zu stilisieren, ging, zumindest was die Ebene der veröffentlichten Meinung angeht, auf.

Ungeahnte Schützenhilfe erhielt sie beispielsweise durch einen MDR-Kommentar, den Poggenburg mit folgenden Worten auf seiner Facebook-Seite verlinkte:

"#Antifa regiert (noch) deutsche Unis, aber eine neue alternative Kraft, die #AfD, ist gekommen, um diese linksextreme und verfassungsfeindliche faule Bande zusammen mit der Polizei von unseren Hochschulen zu jagen [sic!]" 

Am kommenden Freitag wird die Hörsaalbesetzung auf Wunsch der AfD-Fraktion Thema im Landtag von Sachsen-Anhalt sein. Einige aus unserer Gruppe waren am 12. Januar ebenfalls im Hörsaal. Uns hat sich dabei ein viel differenzierteres Bild ergeben:


Pascal: Ich war Teil der Menge, welche oben auf der Treppe stand. Von dort aus konnte ich nicht viel sehen. Als einzige Quellen dienten mir umstehende Demonstranten und Handybildschirme. Das Irgendetwas ernsteres vorne geschah bemerkte ich erst, als ein Genosse besorgt den Hörsaal verließ. Von einer Eskalation oder einem „Tumult“ erinnere ich mich nichts mitbekommen zu haben. Alles in allem war ich und bin ich auch weiterhin, euphorisch. Wegen der großen Teilnehmerzahl, dem Erfolg des Protests und vor allem wegen dem Fluidum das dort herrschte. Um ehrlich zu sein war ich danach fast schon enttäuscht wie schnell das Ganze wieder vorbei war. Für mich war die Demo ein großartiger Erfolg. Nicht nur haben wir an diesem Tag Poggenburg und Freunde aus der Universität vertrieben, sondern dazu noch eine Tragweite erreicht, die ich von Magdeburg nicht kenne.

Hagen: Ich war seit ca. 17:00 Uhr im Hörsaal und saß ziemlich weit oben, also hatte ich einen guten Blick auf auf die bevorstehenden Veranstaltungen. Die Stimmung während der ersten Veranstaltung, war entspannt und leicht euphorisch. Nach dem sehr interessanten Vortrag von Frau Tiefel blieben wir im Hörsaal bis zu beginn der Veranstaltung der Campus Alternative sitzen.   
Die Stimmung änderte sich schlagartig als Poggenburg und Entourage den Hörsaal betraten. Wir begrüßten sie mit "Buh"- und "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda"-Rufen nach kurzer Zeit bereitete der Referent Wolf, seinen Vortrag vor danach trat ein zugehöriger der Entourage ans Mikrofon, evtl. war er von der Campus Alternative, seine Ansprache konnte ich nicht so gut verstehen, da zuvor auch Mitglieder der Entourage den Alarm an der Notausgangstür im Hörsaal auslösten. Danach trat Poggenburg ans Mikrofon bezeichnete alle Anwesenden als "Linksfaschisten". Während Poggenburg seine "Rede" hielt, liefen mehrere Leute mit Transpis auf das Pult zu und stoppten davor. Darauf hin rannte die Entourage in die Gruppe mit den Transpiträgern rein und begann zu treten (gibt Videomaterial dazu). Während der "Rede" flog noch ein Böller in die Richtung des Rednerpults. Nach einiger Zeit, die Poggenburg und Entourage in Nebenraum des Hörsaals verbrachten, verließen sie das Gebäude in Begleitung von einigen Polizisten.

Johanna: Die Campus Alternative/AfD konnte heute ihre Veranstaltung nicht durchführen, da sich das Publikum kurzfristig für ein anderes Programm entschieden hat.
Das finde ich natürlich ausgesprochen unschade und hoffe, dass sie auch in Zukunft die Veranstaltung nicht nachholen können.

Das Alternativprogramm ("Alternative zur Alternative") bestand im  Wesentlichen aus dem Alarm des Notausganges, dem Rufen von Parolen, dem  Hochhalten von Schildern und Füßetrampeln.
Seitens der CA/AfD gab es Versuche, das Programm durch Redebeiträge zu stören, aber diese waren zum Glück vollkommen erfolglos.
Zu einem Zeitpunkt fand im Bühnenbereich ein Handgemenge statt, bei dem  jedoch augenscheinlich niemand verletzt wurde. Wer damit angefangen  hat, war für mich nicht ersichtlich.

Ein kleinerer Böller wurde  ebenfalls geworfen, der aber ebenfalls zum Glück niemanden verletzt hat. Auch hier ist mir die Urheberschaft unbekannt.
Die CA/AfD-Truppe wurde in den angrenzenden Vorbereitungsraum gedrängt und verfolgte von dort aus das wirklich mitreißende Alternativprogramm.

Besonders erwähnenswert ist neben den mutigen Träger*innen zweier großer  Transparente der spontane Beitrag eines jungen Mannes, der passend zum  Publikumschor die Parole "ES GIBT KEIN RECHT AUF NAZIPROPAGANDA" an die  Tafel schrieb. Das war sehr gelungene Aktionskunst und wurde mit  entsprechendem Beifall bedacht.

Nach ca. einer halben Stunde  kamen 6 Polizist*innen in den Hörsaal, sprachen eine Weile mit verschiedenen Personen und geleiteten dann die CA/AfD-Delegation zu  einem Seiteneingang hinaus.
Das Publikum jubelte und verließ  einige Minuten später ebenfalls friedlich den Saal, um im Foyer und  Außenbereich gemeinsam den Abend ausklingen zu lassen.

Jan: Ich saß während der beiden Veranstaltungen recht weit oben im Hörsaal. Der Hörsaal war komplett gefüllt und die Teilnehmenden wirkten euphorisch und interessiert, während sie dem 1. Vortrag von Frau Tiefel folgten. Anschließend blieben die meisten Teilnehmenden sitzen und warteten gespannt auf die Campus Alternative. 
Als dann Poggenburg mit seiner Gefolgschaft den Saal betrat, wurde er lautstark von Buh-rufen und linken Sprechchören empfangen. Als Prof. Wolf seine Präsentation beginnen wollte, war für mich schon klar, dass es nicht zu einem wissenschaftlichen Diskurs kommen kann, da er den anatomischen Unterschied zwischen dem weiblichen und männlichen Gehirn herausstellen wollte und daraus folgerte, dass Gleichberechtigung nicht möglich wäre.
Während der Redeversuche der AfD wurden die Sprechenden permanent übertönt von "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda"-Rufen.
Als Poggenburg seine Rede begann stürmten dazu noch TeilehmerInnen mit Transparenten friedlich auf die Bühne, worauf hin die Gefolgschaft von Poggenburg agressiv reagierte und die Transparente und deren TrägerInnen angriffen. 

Der, im Laufe der Veranstaltung, geworfene Böller war in meinen Augen unnötig, im Anschluss der Veranstaltung haben sich auch die meisten Teilnehmenden davon distanziert.
Nach etwa einer halben Stunde wurden dann die AfD Redner und ihre Anhänger von der Polizei aus dem Hörsaal geführt, dabei konnte ich nur 4 Polizisten im Hörsaal sehen, welche die AfD nicht schützen mussten.

Mein Fazit des Abends ist durchaus positiv, friedlich wurde verhindert, der AfD an einer Universität eine Bühne zu bieten. Vor allem aber gab dieser Abend Kraft und Motivation im Kampf gegen rassistische Kackscheiße.

Wir möchten unterstreichen, dass Proteste gegen die AfD, die wie keine zweite politische Organisation am äußeren rechten Rand für den Rechtsruck der Gegenwart steht, nicht nur legitim, sondern unbedingt nötig sind. Wir freuen uns über die gewachsene Entschlossenheit, sich dem propagierten Menschenhass entschieden in den Weg zu stellen. Die Proteste am 12. Januar haben viele Menschen in ganz Deutschland inspiriert und das völlig zu Recht. Wir verwehren uns gegen die kollektive Kriminalisierung hunderter Menschen aufgrund eines einzelnen Böllerwurfs. Gleichsam kritisieren wir die tendenziöse Berichterstattung, die AfD-nahe Professoren zum Interview einlädt, die dann dort relativistische Begriffe wie "Meinungsfaschismus" aus dem Satzbausteinkasten der extremen Rechten salonfähig machen, es aber nicht schafft, auch nur eine*n Vertreter*in der Studierendenschaft zu Wort kommen zu lassen. Ein Diskurs über das Für und Wider bestimmter Protest- und Ausdrucksformen ist unbedingt zu führen, allerdings ohne sich dabei zu entsolidarisieren. Vielen Dank an Alle, die am 12. Januar 2017 dabei waren und bei den kommenden Protesten und Aktionen dabei sein werden!

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