Donnerstag, 19. September 2013

NPD-Deutschlandtour in Magdeburg

Es ist Dienstag, der 17. September 2013. Kurz vor 10 Uhr befährt der Möbelwagen der NPD den Willy-Brandt-Platz, wo vorher noch ein Transporter von "Wurstspezialitäten Borkowski" gestanden hatte. Durch "Hamburger Gitter" getrennt, stehen ihnen etwa 100 Gegendemonstrant*innen gegenüber - eine angesichts der Größe Magdeburgs erschreckend geringe Beteiligung der sogenannten "Zivilgesellschaft". 

Ein Meer aus Stinkefingern (c)
Was der NPD an konstruktiven Inhalten fehlt, versucht sie durch Technikaufrüstung wettzumachen - ihre Lautsprecheranlage übertönt leider sowohl die mobile Musikbox der Linksjugend ['solid] als auch Sprechchöre, Trillerpfeifen und Megaphone. Schopenhauer hätte dazu gesagt: "Die billigste Art des Stolzes ist hingegen der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem  greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein und dreht die Boxen auf"

Der rhetorische Haupttrick der beiden NPD-Redner ist es, der Esel zu sein, der den anderen Graurock schimpft. So erklärt der stellv. Bundesvorsitzende Udo Pastörs, der jüngst zu einer weiteren Bewährungsstrafe verurteilt worden ist [1], den Gegendemonstrant*innen - während er inmitten von maximal zehn mitgeführten Kameraden steht - wie albern er es fände, dass die linken Gruppen nicht mehr flächendeckend Gegendemonstrant*innen mobilisieren könnten und deshalb auf immer die gleichen, hinterherreisenden Unterstützer*innen angewiesen wären. Witzigerweise ist er es, der aktuell mit einer winzigen Schar von Kameraden "umherreist".

Udo Pastörs "belehrt" uns außerdem, dass wir alle "gleichgeschaltete Linksfaschisten" wären. Geradezu verzweifelt versucht er uns einzureden, Menschen aus verschiedenen Ländern seien von Natur aus unterschiedlich "determiniert". Aus welchen Gründen das so sein sollte, lässt er offen. Mit einer Erklärung würde er sich außerdem ein weiteres Mal der Lächerlichkeit preisgeben, denn es gibt keine Gründe dafür, weil es schlichtweg falsch ist. Aber es macht die Welt eben so schön einfach, wenn "die Griechen" von Natur aus faul seien und unsere Hilfe nicht verdienten oder "die Ausländer" per Biologie kriminell seien, weswegen sie "raus" müssten. Wird der gehorsame, brave und gesetzestreue Bio-Deutsche dann eigentlich auch kriminell, sobald er ins Ausland geht, wo er ja auch zum "Ausländer" wird?

Nicht fehlen darf natürlich auch die übliche rassistische Hetze und "Überfremdungsangst". Aus höchst fragwürdigen Statistiken zitierend, erklärt er dann folgerichtig, es gäbe eine Zuwanderung in die Kriminalstatistiken. Ob das nun heißen soll, in Deutschland sollten doch bitte nur "Deutsche" Verbrechen begehen, erschließt sich uns leider nicht. Die Gegendemonstrant*innen quittieren jedoch die lautstarken Beschwerden der Nazis über die Einwanderung mit Jubel und Applaus und zeigten damit, dass sie auch Menschen aus anderen Ländern willkommen heißen: refugees welcome, everyone's welcome (außer Nazis natürlich)!

Zum Abschluss persifliert eine Delegation der "Front Deutscher Äpfel" [2] den Nazisprech, der bei Pastörs übrigens als astreine Hitlerkopie daherkommt und im gesamten Hauptbahnhof hörbar ist - gruselig! - noch mit einem Redebeitrag auf unserer Seite. Die Satiregruppe fordert, das "braune Fallobst auf den Komposthaufen zu verbannen" und warnt vor "der Überfremdung des deutschen Obstbestandes durch die Südfrüchte". Während dieser spöttischen Darbietung können die Nazis einpacken und schließlich wieder davonzuckeln ... um sich in Halle blockieren, auslachen und mit Eiern bewerfen zu lassen.

Bilanzierend lässt sich festhalten, dass die NPD, wie schon im letzten Jahr, eine reine Selbstbespaßungstour durchführt, bei der außer Antifaschist*innen weit und breit niemand zu sehen ist, der sich zu den Braunen gesellen würde. Enttäuscht sind wir allerdings von der erschreckend schlechten Mobilisierung, obwohl zwei Bündnisse dazu aufgerufen hatten, sich an der Gegenkundgebung zu beteiligen. Im Vergleich zu Halle gibt es hier noch viel zu tun und zu bündeln, was angesichts der extrem heterogenen Szene immer wieder eine Herausforderung sein dürfte. Vom Konzept des Blockierens hat man sich scheinbar gänzlich verabschiedet, denn weder am Samstag bei ProDeutschland noch gestern gab es auch nur ansatzweise den Versuch, schon bei der Anfahrt zu blockieren, so wie es beispielsweise in Halle gelang. Des Weiteren kritisieren wir das Verhalten der Polizei, die die friedliche Kundgebung die ganze Zeit über abfilmte und auch nicht einschritt, als die Faschisten ihre Anlage auf locker 140-150 Dezibel aufdrehten, woraufhin uns fast die Ohren wegflogen. Hier lag eine ganz klare Gesundheitsgefährdung vor. Es ist nicht erklärbar, dass Polizist*innen in Halle die Lautstärke herunterregulieren, während es Polizist*innen in Magdeburg völlig schnurzpiepegal ist, was noch im Rahmen des Legalen passiert und was nicht. Heruntergeregelt werden muss eine Anlage, wenn die Lärmbelastung Dritter nicht hinnehmbar ist. Wenn Bahnreisende auf Gleis 8 sich eine Hitler...äh...Pastörsrede in astreinem NS-Sprachduktus und der entsprechenden Lautstärke anhören müssen, sehen wir die Hinnehmbarkeit hier nicht gegeben.

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